BU mit Endometriose: Was über Normalannahme oder Ausschluss entscheidet
Kurzantwort
Endometriose wird von Versicherern sehr unterschiedlich bewertet. Dieselben Angaben führen bei einem Haus zur Normalannahme und beim nächsten zur genaueren Prüfung. Entscheidend ist der dokumentierte Verlauf: Komplikationen an Darm, Blase oder anderen Organen, Operationen, Fehltage und Schmerzmittel. Sind diese Punkte unauffällig und sauber belegt, ist eine Normalannahme nach meiner Erfahrung erreichbar, auch in körperlichen Berufen. Welcher Versicherer deinen Fall wie einstuft, klärt vorab nur eine anonyme Risikovoranfrage.
Kommt dir das bekannt vor?
Jahrelang hieß es, starke Regelschmerzen seien eben normal. Vielleicht hast du dir irgendwann selbst geglaubt, dass du dich anstellst. Dann kam die Diagnose, und mit ihr wenigstens ein Name für die Sache.
Jetzt liegt ein Antrag für eine Berufsunfähigkeitsversicherung vor dir. Und die Frage, ob das überhaupt noch Zweck hat.
Wahrscheinlich hat dir schon jemand gesagt, mit Endometriose bekomme man sowieso nichts mehr. Ich höre das oft. Es stimmt so nicht, aber die Sache ist verwickelt, und sie hängt weniger an dir als an der Frage, bei welchem Versicherer du landest.
Warum jeder Versicherer etwas anderes sagt
Mir liegen zwei Prüfprotokolle vor, in denen derselbe Fall steht. Dieselbe Frau, dieselben Angaben. Beim einen Versicherer heißt das Votum zur Endometriose “Normalannahme”. Beim anderen “manuelle Risikoprüfung”, und daraus wurde eine Zurückstellung.
Da hat sich niemand vertan. Es sind zwei Häuser mit zwei Regelwerken.
Dahinter steckt ein sachlicher Grund. Die medizinische Leitlinie zur Endometriose räumt selbst ein, dass sich aus den üblichen Einteilungen nicht ablesen lässt, wie die Erkrankung weitergeht. Ein Risikoprüfer soll aber genau das einschätzen, und zwar für die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre. Fehlt ihm der Anhaltspunkt, entscheidet die Vorsicht seines Hauses. Und die fällt unterschiedlich aus.
Für dich hat das zwei Folgen. Eine Absage zeigt dir, wie ein Haus entscheidet; über deine Versicherbarkeit sagt sie wenig. Und weil der Unterschied an der Dokumentation hängt, lässt sich daran arbeiten.
Wo Endometriose im Antrag steht
Hier stolpern viele, bevor es überhaupt losgeht. In den Gesundheitsfragebögen gibt es kein Stichwort Endometriose. Sie steckt in der Sammelrubrik der Harn- und Geschlechtsorgane.
Wer die Zeile überfliegt, sieht Nieren und Blase und denkt an Nierensteine. Dass die eigene Unterleibserkrankung dort hingehört, muss man erst einmal wissen. So entstehen falsche Angaben, ganz ohne Absicht.
Zwei Details gehen dabei oft unter. Der Zeitraum sind fünf Jahre, und reine Kontrolltermine zählen ausdrücklich mit. Davon gibt es bei Endometriose reichlich. Außerdem fragt der Antrag nach Beschwerden. Damit zählen auch die Jahre vor deiner Diagnose, als noch niemand einen Namen für die Schmerzen hatte.
Die zweite Nachfrage aus dem Kasten, die nach Darmverwachsungen und der Beteiligung anderer Organe, ist die eigentliche Weiche.
Was über das Ergebnis entscheidet
Vier Dinge geben den Ausschlag. Sie stehen so oder ähnlich in den Fragebögen, und die LV 1871 nennt sie auf ihrer Ratgeberseite sogar offen.
Am schwersten wiegt, wo die Endometriose sitzt und ob es Komplikationen gab. Bauchfell allein wird völlig anders bewertet als eine Beteiligung von Darm oder Blase. Dann die Operationen, wobei es weniger darauf ankommt, ob überhaupt operiert wurde, als darauf, wie oft. Wiederholte Eingriffe sind ein Warnsignal. Drittens die Fehltage. Für den Versicherer sind sie das greifbarste Zeichen überhaupt, weil sie die Erkrankung in die Währung übersetzen, um die es im Vertrag geht. Bleiben die Schmerzmittel, ihre Häufigkeit und die Dauer der Einnahme. Das ist der Näherungswert für die Schwere, den ein Prüfer hat, ohne dich je gesehen zu haben.
Alle vier lassen sich belegen. Fehlt der Beleg, entscheidet der Prüfer vorsichtig, weil er muss. Daher die Reihenfolge: erst die Unterlagen, dann die Anfrage, dann der Antrag.
Endometriose kommt selten allein
Diesen Teil lassen die meisten Ratgeber weg. In der Praxis entscheidet er öfter über das Ergebnis als die Endometriose selbst.
Vielleicht erkennst du dich wieder. Die Migräne, die immer wiederkommt. Der Rücken. Die Phase, in der alles zu viel wurde und du dir Hilfe geholt hast. Das hat einen Grund und liegt nicht an dir.
Für die Risikoprüfung zählt das, weil am Ende eine Gesamtentscheidung steht. Bei dem Protokollpaar von oben gab die Summe den Ausschlag. Für sich genommen hätte die Endometriose dort kaum zu einer Zurückstellung geführt.
Wer mehrere Themen mitbringt, sollte es also erst recht nicht auf gut Glück versuchen.
Wenn du einen Grad der Behinderung hast
Ein Punkt, den fast alle übersehen: Der GdB wird im Antrag gesondert abgefragt, zusätzlich zur Diagnose, und löst für sich genommen eine genauere Prüfung aus.
Verschweigen scheidet aus, ein festgestellter GdB ist aktenkundig. Mit gründlicher Vorbereitung bleibt trotzdem einiges möglich.
Muss ich die Pille angeben?
“Die Pille zählt ja nicht als Medikament.” Diesen Satz höre ich oft, und er ist gefährlich, weil er manchmal stimmt.
Manche Anträge nehmen Verhütungsmittel ausdrücklich von der Medikamentenfrage aus. Andere fragen ohne jede Ausnahme und wollen zusätzlich den Grund der Einnahme wissen. Beides liegt mir in aktuellen Formularen vor. Was bei dir gilt, steht in deinem Formular.
Der Unterschied dahinter wiegt ohnehin schwerer. Bei Endometriose ist ein Hormonpräparat in aller Regel eine Behandlung. Dienogest, einer der wenigen dafür zugelassenen Wirkstoffe, ist zur Verhütung ausdrücklich nicht zugelassen. Wer so ein Medikament unter der Überschrift Verhütung weglässt, geht ein unnötiges Risiko ein. Es ist verschreibungspflichtig, also dokumentiert, und der Grund der Verordnung steht in der Akte.
Was in deiner Akte steht, ohne dass du es weißt
Bei kaum einer anderen Diagnose liegt so weit auseinander, was eine Frau über sich weiß und was über sie geschrieben steht.
Denk an die Jahre vor der Diagnose zurück. Der Reizdarm, den dir jemand attestiert hat. Die wiederkehrenden Blasenentzündungen. Vielleicht auch eine psychosomatische Einordnung, von der dir niemand erzählt hat. Das alles steht bis heute in deinen Unterlagen.
Nach § 213 VVG darf der Versicherer mit deiner Einwilligung bei Ärzten und Krankenkassen nachfragen, soweit er es für die Prüfung braucht. Du kannst widersprechen und verlangen, dass jede Abfrage einzeln genehmigt wird. Worauf du dich nicht verlassen solltest: dass zehn Jahre Krankengeschichte unbemerkt bleiben.
Deshalb der Blick in die eigene Akte, und zwar am Anfang. Wie das geht, steht im Artikel Krankenakte vor dem BU-Antrag.
Stimmt es, dass Endometriose 30 bis 100 Prozent Zuschlag kostet?
Diese Spanne liest man auf mehreren Seiten. Sie stammt von einem undatierten Portal, ohne Datenbasis, ohne Bezugsjahr, aus einem Satz zusammen mit Hämorrhoiden und Krampfadern. Ich habe nach einer belastbaren Quelle gesucht und keine gefunden.
Eine Statistik darüber, wie oft Endometriose-Anträge mit Normalannahme, Zuschlag oder Ausschluss enden, existiert ebenfalls nicht. Wer dir eine solche Quote nennt, hat sie sich ausgedacht.
Die letzten beiden Zahlen sagen, warum das Thema überhaupt zur Arbeitskraftabsicherung gehört. Endometriose trifft Frauen mitten im Berufsleben, und ein Ausfall dauert länger als bei anderen Diagnosen.
Was, wenn es gerade nicht klappt?
Dann kommt meistens der Rat, eben eine Grundfähigkeitsversicherung zu nehmen. Bei Endometriose wäre ich damit vorsichtig.
Die Grundfähigkeitsversicherung zahlt beim Verlust genau aufgezählter Fähigkeiten. Gehen, Stehen, Sitzen, Heben, Sehen, Hören, jeweils mit Messlatte. Gehen gilt zum Beispiel erst dann als beeinträchtigt, wenn 400 Meter in dreißig Minuten nicht mehr zu schaffen sind. Diese Listen sind abschließend, das schreiben die Anbieter ausdrücklich hinein. Schmerzen stehen nicht darin. Erschöpfung auch nicht.
Ausgerechnet der Verlauf, der eine Frau mit Endometriose aus dem Beruf drängt, löst dort also meist keine Leistung aus. Wertlos ist so ein Vertrag deswegen nicht, er schützt weiter gegen Unfall und Krebs. Als BU-Ersatz taugt er bei diesem Krankheitsbild aber schlechter als bei fast jeder anderen Diagnose. Welche Wege sonst bleiben, steht unter Wenn eine BU nicht möglich ist.
Bleibt der zweite Anlauf. Eine Zurückstellung ist eine Vertagung. Wer nach einer Operation ein bis zwei ruhige Jahre vorweisen kann, verhandelt aus einer anderen Position. Diesen zweiten Anlauf sollte man planen und nicht dem Zufall überlassen.
Was du jetzt tun solltest
Sammle zuerst, was deinen Verlauf belegt.
Ein paar Fehler kosten besonders viel. Bei Harn- und Geschlechtsorganen nein anzukreuzen, weil man an Nieren dachte, schafft ein Problem, das erst im Leistungsfall auffällt. Kontrolltermine wegzulassen ebenso, die Frage nennt sie ausdrücklich. Wer nur die Endometriose vorbereitet und die Begleitdiagnosen liegen lässt, unterschätzt, was am Ende die Gesamtentscheidung treibt. Am teuersten ist es, einfach einen Antrag zu stellen. Eine Ablehnung muss man bei späteren Anträgen meist angeben, und sie verschlechtert die Lage bei allen weiteren Versuchen.
Bevor also irgendwo ein Antrag liegt: eine anonyme Risikovoranfrage. Dein Fall geht mit allen Befunden an mehrere Versicherer, ohne deinen Namen. Zurück kommen konkrete Einschätzungen. Erst wenn feststeht, wo etwas erreichbar ist, wird ein Antrag gestellt.
Bei Endometriose ist dieser Umweg der Kern der Sache. Wenn dieselben Angaben beim einen Haus zur Normalannahme führen und beim nächsten zur Zurückstellung, lautet die eigentliche Frage nicht ob, sondern wo.
Dass am Ende eine Normalannahme stehen kann, sogar mit Beschwerden im zurückliegenden Jahr und in einem körperlich harten Beruf, zeigt der Fall der Landwirtin in Ausbildung. Keine Ausschlussklausel, kein Zuschlag, die volle beantragte Rente. Ausschlaggebend war die Dokumentation: Die Komplikationsfrage ließ sich belegt mit nein beantworten.
Häufige Fragen
Bekomme ich mit Endometriose eine Berufsunfähigkeitsversicherung?
Ja, das ist möglich, aber es hängt stark vom Versicherer ab. Dieselben Angaben können bei einem Haus zur Normalannahme führen und beim nächsten zur Zurückstellung. Entscheidend ist der dokumentierte Verlauf: ob Komplikationen an Darm, Blase oder anderen Organen aufgetreten sind, ob operiert wurde, wie viele Fehltage es gab und wie oft Schmerzmittel nötig waren. Weil die Unterschiede zwischen den Versicherern so groß sind, sollte vor jedem Antrag eine anonyme Risikovoranfrage stehen.
Muss ich Endometriose im BU-Antrag überhaupt angeben?
Ja, wenn danach gefragt wird. Und das wird sie praktisch immer. Endometriose hat in den Fragebögen kein eigenes Stichwort. Sie steht in der Sammelrubrik der Harn- und Geschlechtsorgane. Viele Frauen lesen darüber hinweg, weil sie dort Nieren und Blase erwarten. Anzugeben ist nach § 19 VVG, wonach in Textform gefragt wurde. Der übliche Zeitraum für diese Rubrik sind fünf Jahre, ausdrücklich auch reine Kontrolltermine.
Zählt die Pille als Medikament, das ich angeben muss?
Das hängt am Wortlaut des Antrags, und der ist von Haus zu Haus verschieden. Manche Anträge nehmen Verhütungsmittel ausdrücklich von der Medikamentenfrage aus. Andere fragen ohne jede Ausnahme und wollen zusätzlich den Grund wissen. Wichtig ist die Unterscheidung dahinter: Ein Hormonpräparat gegen Endometriose ist eine Behandlung. Dienogest zum Beispiel ist nur zur Behandlung der Endometriose zugelassen und ausdrücklich nicht zur Verhütung. Wer es als "nur die Pille" weglässt, riskiert genau den Ärger, den er vermeiden wollte.
Muss eine Bauchspiegelung angegeben werden?
Wenn nach Operationen gefragt wird, ja. Eine Bauchspiegelung ist ein Eingriff, auch wenn sie ambulant war und nur der Diagnose diente. Für die Prüfung ist sie sogar besonders interessant. Sie zeigt schwarz auf weiß, was gefunden wurde und welche Organe betroffen waren. Der Operationsbericht gehört deshalb zu den Unterlagen, die man gleich mitschickt, statt auf die Rückfrage zu warten.
Ich habe nur eine Verdachtsdiagnose, muss die in den Antrag?
Auch ein Verdacht steht in deiner Akte, und zwar sauber gekennzeichnet: In der Abrechnung muss zu jeder Diagnose ein Kürzel für die Sicherheit gesetzt werden, V steht für Verdacht. Gefragt wird im Antrag allerdings meist nach Beschwerden, Behandlungen und Untersuchungen, nicht nach Diagnosen. Wer wegen Unterleibsschmerzen beim Arzt war, hat also etwas anzugeben, ganz gleich welches Etikett daraufkam. Ob der Verdacht selbst zu nennen ist, hängt vom Fragewortlaut ab. Genau das klärt man vorher, nicht hinterher.
Ich habe wegen der Endometriose einen Grad der Behinderung. Ist damit alles vorbei?
Nein. Aber der GdB ist eine eigene Frage im Antrag, zusätzlich zur Diagnose, und er löst für sich genommen eine genauere Prüfung aus. Nach den Versorgungsmedizinischen Grundsätzen reicht die Bewertung der Endometriose von 0 bis 10 bei leichter über 20 bis 40 bei mittlerer bis zu 50 bis 60 bei schwerer Ausprägung. Diese Werte sind laut Verordnung ausdrücklich nur Anhaltswerte. Für den Versicherer ist ein hoher GdB trotzdem ein deutliches Signal. Aussichtslos ist die Lage damit nicht. Sie braucht aber eine Voranfrage und keinen Versuch auf gut Glück.
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