Krankenakte und BU-Antrag: Was drinsteht, und was du angeben musst
Kurzantwort
In deiner Krankenakte können Diagnosen stehen, von denen du nie erfahren hast. Abrechnungsdiagnosen etwa, Gefälligkeitsdiagnosen, fälschlich als chronisch fortgeführte Einmal-Erkrankungen. Angeben musst du im BU-Antrag nur, was tatsächlich gefragt wird und was dir bekannt ist (§ 19 VVG). Ob deine Akte zum Problem wird und wie du damit umgehst, klärt vorab nur eine anonyme Risikovoranfrage.
Warum in deiner Akte mehr steht, als du denkst
Ärztliche Dokumentation dient nicht nur der Behandlung. Sie dient auch der Abrechnung, und das prägt ihren Inhalt. Drei Muster begegnen mir in der Beratung immer wieder.
Da sind zunächst die Abrechnungsdiagnosen. Ein Arzt notiert eine Diagnose, weil sie die Abrechnung einer Leistung begründet, besprochen wurde sie mit dir nie. Dann die Gefälligkeitsdiagnosen: Für eine Krankschreibung wird schnell ein „Erschöpfungssyndrom“ oder eine „Anpassungsstörung“ eingetragen. Gemeint war ein paar Tage Ruhe. In der Akte steht jetzt eine psychische Diagnose. Und schließlich die fortgeschriebene Einmal-Erkrankung, bei der ein einmaliger Befund quartalsweise als „chronisch“ durch die Abrechnung wandert, obwohl längst nichts mehr ist.
Für die Behandlung ist das alles harmlos. Für einen BU-Antrag nicht, denn im Leistungsfall gleicht der Versicherer deine damaligen Angaben mit genau diesen Akten ab.
Was davon in den Antrag gehört und was nicht
Die Anzeigepflicht nach § 19 VVG hat zwei Grenzen, und beide helfen dir hier. Erstens: Du musst nur beantworten, was in Textform gefragt wird, und nur für den abgefragten Zeitraum. Zweitens: Anzugeben sind die dir bekannten Umstände. Eine Diagnose, von der du nachweislich nie erfahren hast, kannst du nicht verletzen. Im Streitfall muss der Versicherer deine Kenntnis beweisen, nicht du deine Unkenntnis.
Als ehrlicher Maßstab für die eigene Erinnerung taugt eine einfache Frage: Gab es ein greifbares Ereignis? Ein Krankenhausaufenthalt, ein verschriebenes Medikament, eine Facharztüberweisung, eine Krankschreibung. Wo eines davon war, wusstest du von der Behandlung, und sie gehört bei passender Frage in den Antrag. Wo nichts davon war und du dich an nichts erinnerst, beginnt der Bereich, in dem dir niemand einen Vorwurf machen kann.
Akte anfordern, ja oder nein?
Ein Recht auf Einsicht hast du. § 630g BGB gibt dir Zugang zur Patientenakte deiner Behandler, und die Krankenkasse stellt auf Wunsch eine Übersicht der abgerechneten Leistungen aus. Eine Pflicht, davon vor dem Antrag Gebrauch zu machen, gibt es dagegen nicht.
Ob es klug ist? Kommt auf den Fall an, beide Richtungen haben Gewicht. Dafür spricht: Du beantwortest die Gesundheitsfragen auf gesicherter Grundlage statt aus dem Gedächtnis, Überraschungen im Leistungsfall werden unwahrscheinlicher. Dagegen spricht: Akten fördern regelmäßig Einträge zutage, nach denen kein Versicherer gefragt hat. Einmal gelesen, sind sie dir bekannt, und das kann die Lage verkomplizieren statt klären. Pauschal lässt sich das nicht entscheiden. Es kommt auf deine Historie an, auf die geplante Absicherung, auf die konkreten Antragsfragen. Genau diese Abwägung muss im Einzelfall geprüft werden, bevor irgendwo ein Antrag gestellt wird.
Wenn etwas Falsches in der Akte steht
Ein falscher oder missverständlicher Eintrag ist kein Todesurteil für deinen BU-Schutz. Aber er will richtig behandelt werden. Eine Möglichkeit ist eine kurze persönliche Stellungnahme, die dem Risikoprüfer den Sachverhalt erklärt: was tatsächlich war, was nicht, und warum der Eintrag so aussieht. Vor dem Antrag sind Versicherer an solchen Klärungen durchaus interessiert. Die naheliegende Idee, den Arzt die Diagnose „korrigieren“ zu lassen, ist dagegen zweischneidig. Eine nachträglich revidierte Diagnose wirft die Frage auf, welche Version denn nun stimmt, und kann mehr Misstrauen erzeugen als der ursprüngliche Eintrag.
Vor allem eines solltest du nicht tun: den Eintrag kennen und ihn bei passender Frage trotzdem weglassen. Ab dem Moment der Kenntnis gilt die Anzeigepflicht. Der richtige Umgang heißt Aufbereitung, nicht Verschweigen.
Die richtige Reihenfolge
Wer eine unübersichtliche Historie hat oder schlicht Sorge vor der eigenen Akte, fährt mit dieser Reihenfolge am besten. Erst die Erinnerung strukturieren: greifbare Ereignisse, Zeiträume, Status. Bei Bedarf gezielt Unterlagen sichten. Dann den Fall sauber aufbereiten und über eine anonyme Risikovoranfrage prüfen lassen, bevor irgendein Versicherer deinen Namen kennt. So wird aus der diffusen Angst vor der Akte eine konkrete, beantwortbare Frage: Wer nimmt mich zu welchen Bedingungen?
Häufige Fragen
Muss ich meine Krankenakte anfordern, bevor ich einen BU-Antrag stelle?
Nein, eine Pflicht dazu gibt es nicht. Die Anzeigepflicht verlangt eine ehrliche Anstrengung deines Gedächtnisses, nicht die Recherche in allen Unterlagen. Ein Einsichtsrecht hast du trotzdem: in die Behandlungsdokumentation deiner Ärzte nach § 630g BGB, und bei deiner Krankenkasse kannst du eine Übersicht der abgerechneten Leistungen anfordern. Ob sich das in deinem Fall lohnt, ist eine Abwägung. Genau die gehört ins Beratungsgespräch.
In meiner Akte steht eine Diagnose, die nie besprochen wurde, habe ich jetzt ein Problem?
Nicht automatisch. § 19 VVG erfasst die dir bekannten Umstände. Eine Diagnose, die nur zu Abrechnungszwecken notiert wurde und dir nie mitgeteilt worden ist, kannst du gar nicht verschweigen; deine Kenntnis müsste dir der Versicherer im Streitfall erst nachweisen. Kritisch wird es dort, wo greifbare Ereignisse deine Kenntnis belegen: verschriebene Medikamente, Überweisungen, Krankschreibungen, Klinikaufenthalte.